
Ende des 19. Jahrhunderts in Böhmen: Die 15-jährige Kristina, Tochter einer Gastwirtin, behauptet, die Jungfrau Maria im Wald gesehen zu haben. Die Pilger*innen, die daraufhin ins Dorf strömen, verhelfen nicht nur Kristina und ihrer Mutter Aloisie zu einigem Wohlstand, sondern auch den anderen Dorfbewohnern. Doch die Kirche bleibt skeptisch. Und auch Aloisie zweifelt insgeheim daran, ob ihre Tochter tatsächlich die Jungfrau Maria gesehen hat. Diese Zweifel bestehen auch noch, als Jahre später ein Todesurteil gefällt wird.
Vielen Dank an den Anthea-Verlag für dieses Rezensionsexemplar!
Die Unerhörte befasst sich mit vielen Themen, die mir ein Buch schmackhaft machen. Es geht um Familie, vor allem Mutter und Tochter, und insbesondere um den Kampf von Frauen, gehört zu werden, anerkannt zu werden. Dass es auf einer wahren Geschichte beruht, war da nur das Tüpfelchen auf dem i.
Los geht es mit einer einschneidenden Szene: der Hinrichtung Kristinas. Von da machen wir einen Schritt zurück, einige Jahre in die Vergangenheit. Immer aus Sicht Aloisies wird berichtet, wie Kristina, genannt Krista, zum ersten Mal von der Marienerscheinung berichtet und wie diese Geschichte immer größere Kreise zieht. Diese gehen schnell weit über das kleine Dorf, in dem Mutter und Tochter leben, hinaus und ziehen viele Pilger*innen an.
Das Buch ist fast so etwas wie die Lebensbeichte einer Frau, die vom Leben schwer gebeutelt ist, ihre einzige Familie verloren hat und daneben jedes Vertrauen in die Kirche. Dazu passt, dass Aloisie keine zuverlässige Erzählerin ist. Man kann richtiggehend sehen, wie mit dem Verlauf der Geschehnisse, dem zunehmenden juristischen und kirchlichen Druck und der gleichzeitig schlechter werdenden Gesundheit das vermeintlich idyllische Bild, dass sie von ihrer Ehe und ihrem Leben zeichnet, zerbricht. Es bekommt immer mehr Risse, Auch sie selbst wird zu einer immer „fehlerhafteren“ Person, die keineswegs so tugendhaft ist, wie sie noch zu Beginn wirkte und sich selbst darstellte.
Das macht sie keineswegs unsympathisch, sondern zutiefst menschlich. Ihren Kampf mit einer männerdominierten Welt zu beobachten, sorgte bei mir häufig für Wut. Denn das Dorf profitiert sehr von den Scharen an Pilger*innen, die durch Krista in den Ort kommen. Viele Männer schaufeln sich dabei die Taschen voll. Zugleich ist niemand von ihnen bereit, sich in schwierigen Zeiten hinter Krista und ihre Mutter zu stellen. Stattdessen schlägt beiden Verachtung dafür entgegen, dass sie nicht dem Idealbild einer Frau zu dieser Zeit entsprachen, dass Aloisie nach dem Tod ihres Mannes nicht erneut heiratete, dass ihr Mann sich suizidierte.
Es gab noch andere Aspekte, die mir an diesem Buch gefielen, zum Beispiel der Schreibstil. Es war fast rauschhaft, dieses Buch zu lesen; jedes Mal, wenn ich es in die Hand nahm hatte ich innerhalb kürzester Zeit viele Seiten gelesen und merkte das kaum. Das Buch ist zudem sehr schonungslos. Zeithammerová bewahrt ihre Leser*innen nicht vor den harten Bildern der Geschichte, das passte aber gut zu Aloisies Art und wirkte nicht sensationslüstern. Zudem gibt es eine queere Liebesgeschichte, die ich aber nicht spoilern möchte.
Insgesamt also ein Buch, dass einiges mehr an Aufmerksamkeit verdient hätte und das ich euch sehr empfehle.
Männer, die über Frauen urteilen werden.
– S. 244
Über Sará Zeithammerová:
Zeithammerová wurde 1997 in den USA geboren. Sie studierte Englisch und Spanisch für interkulturelle Kommunikation sowie Dramaturgie und Drehbuch an der FAMU in Prag. Für die Miniserie Fünf Jahre schrieb sie das Drehbuch, das für mehrere Preise nominiert wurde. Die Unerhörte ist ihr zweiter Roman. Zeithammerová lebt in Prag.
Quelle: Anthea Verlag

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Originaltitel: Svatá | Übersetzerin: Karolina Heidinger
Hardcover: ISBN 978-3-89998-478-1 | 26 €
400 Seiten | erschienen 2026
Verlagswebseite zum Buch
Bildquellen
Cover: Anthea Verlag
Autorin: Anthea Verlag







