Hallo ihr Lieben,
heute ist mein Geburtstag, ich habe Urlaub und werde den Tag mit meiner Familie verbringen. Eines soll es heute – Urlaub hin oder her – dennoch geben: die Montagsfrage bei Wordworld.
Wie steht Ihr zu expliziten Szenen in Büchern (Brutalität/Sexzenen)?
Ich habe ganz generell kein Problem mit expliziten Szenen, weder Sex noch Brutalität, denn sie gehören zum Leben und daher auch in Bücher. Bezogen auf Brutalität gibt es in meinen Augen Bücher, da gehört sie sogar unbedingt dazu. Dabei geht es mir um Bücher, die sich mit Terrorregimen wie der Pinochet-Diktatur, dem Dritten Reich, der Sowjetunion oder den unzähligen anderen Diktaturen, die es weltweit gab und gibt, befassen. Die schiere Zahl an Opfern dieser Regime zu wissen ist zwar wichtig, aber mir fällt es schwer, z.B. zu wissen, dass rund sechs Millionen jüdische Menschen dem Holocaust zum Opfer fielen und daraus Empathie zu entwickeln. Deswegen ist es nicht nur wichtig, den einzelnen Opfern Namen und ein Gesicht zu geben, wie es z.B. Auschwitz Memorial tut. Wir müssen auch erfahren, was ihnen widerfahren ist und welchen Gräueltaten sie durch andere Menschen ausgesetzt waren.
Mir fiel das letzten Monat wieder deutlich auf. Bei meinem Budapest-Trip habe ich das dortige Holocaust Memorial Center besucht. Dort werden einige der schonungslosesten und furchtbarsten Bilder von Opfern der Nazis gezeigt, die ich bisher gesehen habe. (Auch so wild, wo ich Ungarn momentan nicht guten Gewissens als freiheitlichen Rechtsstaat beschreiben mag.) Und so wenig man diese anschauen möchte, haben sie in mir doch, mehr als viele andere Filme, Bilder oder Bücher gezeigt, wo wir enden, wenn menschenverachtende Menschen die Macht in einem Staat erlangen (und ganz ehrlich: momentan müssen wir für diese Erkenntnis nur einen Blick in die USA werfen, wo innerhalb weniger Wochen eine Demokratie zerstört wurde und Menschen de facto in KZ abgeschoben werden, denn kaum etwas anderes sind die „Gefängnisse“ in El Salvador). Wie fürchterlich das noch werden kann, können wir auch aus Büchern lernen, die eben kein Blatt vor den Mund nehmen und auch noch die schlimmste Brutalität offen aussprechen. Zu empfehlen sind, neben Besuchen in KZ-Gedenkstätten wie Buchenwald, Sachsenhausen, Dachau oder Auschwitz, Anus Mundi von Wiesław Kielars, der über seine fünf Jahre in Auschwitz schreibt und dabei wirklich ALLES beschreibt, was er erleben und sehen musste, oder Roman eines Schicksallosen von Imre Kertész.
(Kleine Sidenote: Ich finde es sehr wichtig, dass wir in diesem Zusammenhang von den Tätern nicht als „Monster“ sprechen. Ihre Taten waren fürchterlich und, ja, monströs, aber letztlich waren sie Menschen, denen es von einem menschenverachtenden System ermöglicht wurde, anderen Menschen das Schlimmste anzutun. Wenn wir sie entmenschlichen, verlieren wir aus den Augen, dass sie vor der Nazi-Zeit Nachbar*innen, Lehrer*innen, Arbeiter*innen, Adelige, … waren und diese Brutalität unter den „richtigen“ Umständen jede*r von uns zeigen kann.)
Quelle Beitragsbild: Wordworld