Rezension – Ungebunden. Das Leben als alte Jungfer

Nur einmal mit Anfang 20, da lebt Malin Lindroth ein Leben, das „normal“ ist: Freund, gemeinsame Wohnung, man teilt sich eine Besteckschublade. Nach vier Jahren beendet Malin die Beziehung. Der nächste Mann wird schon kommen, denkt sie. Jetzt, 30 Jahre später, stellt sie sich die Frage, was seitdem eigentlich „schief“ gelaufen ist. Denn sie blieb allein. Unterhaltsam und lustig, aber auch ernst und schmerzvoll führt Lindroth durch ihr nicht vorhandenes Beziehungsleben. Das ist zwar manchmal schwer auszuhalten, viel schlimmer ist allerdings, dass sie sich ständig für diesen Umstand rechtfertigen muss: ihre Persönlichkeit, ihre Sexualität, ihre Einstellung – all das wird hinterfragt. Deses Buch ist Lindroths Befreiungsschlag!
Quelle: Piper

Vielen Dank an NetGalley.de und Piper für dieses Rezensionsexemplar!

Zweisamkeit [wurde] als Naturgesetz dargestellt, ungefähr wie die Schwerkraft. Es klang wie ein Versprechen […] vom Leben als solchem. Das Versprechen lautete: Es gibt für jeden einen passenden Partner.

E-Book, S. 20

So vieles in diesem Buch konnte ich unglaublich gut nachvollziehen. Ich bin 23 Jahre alt und hatte noch keine ernsthafte, länger anhaltende Beziehung. In einem entscheidenden Punkt unterscheide ich mich von Malin Lindroth: ich möchte gerade auch keine. Auch Lindroth würde mich nicht zu den alten Jungfern zählen, zu denen nach ihrer Definition weder Witwe*r, noch Menschen zwischen zwei Ehen oder Singles um die Zwanzig gehören.

Dennoch haben besonders Absätze wie der oben zitierte mich angesprochen. Denn ich glaube, dass wir alle erwarten, dass sich das Versprechen auf Zweisamkeit (oder Drei-/Vier-/…samkeit) irgendwann bewahrheitet. Und zumindest bei mir ist es so, dass auch mein Umfeld mir das Gefühl gibt, dass es so sein wird, so sein muss. Das ist oft unglaublich anstrengend.

Irgendwann passiert man die Grenze, wo man so eins ist mit seinem Alleinsein, das man es nicht mehr als Krankheit betrachtet, die auf jeden Fall geheilt werden muss. Es ist mehr wie ein Zuhause, wo man so viel renoviert und gegärtnert hat, dass einem schon sehr viel angeboten werden müsste, damit man von dort wegzieht.

E-Book, S. 73

Ungebunden ist oft lustig, manchmal schmerzhaft zu lesen und teilweise ziemlich negativ. Ich denke, dass das in Ordnung ist. Es handelt sich immerhin um einen sehr persönlichen Essay. Jeder von uns sollte darin auch über das sprechen können, was wir bedauern oder uns sonst belastet.

Hinzu kommt, dass Malin Lindroth eindringlich aufzeigt, wie wenig die Menschen gewillt sind, einzusehen, dass die alten Jungfern kein Relikt der Vergangenheit sind. Ich stelle es mir sehr anstrengend, das eigene Leben ständig verteidigen zu müssen. Irgendwann wäre ich davon auch genervt.

Es ist nicht das aufbauendste Buch aller Zeiten, aber es ist ein wichtiges Buch. Single sein und allein leben wird heute nur dann als ok angesehen, wenn es so gewählt ist. Das muss sich ändern. Und vor allem müssen wir als Gesellschaft aufhören, Lindroths alte Jungfern mit Häme zu betrachten und behandeln.

Ich werde […] nicht akzeptieren, dass alte Jungfern zu einem Leben ohne Liebe verdammt sind.

E-Book, S. 58

Bewertung: 5 von 5.

Weitere Meinung zum Buch:
buchpost („zwar sehr sprunghaft und assoziativ geschriebenes Werk, das aber randvoll mit Ehrlichkeit und nachdenkenswerten Überlegungen ist“)

Über Malin Lindroth:
Lindroth wurde 1965 in der Nähe von Göteborg an der schwedischen Westküste geboren. Sie studierte Psychologie und Philosophie. Ihre erste Sammlung von Gedichten wurde 1985 eröffnet, 1999 erschien ihr erster Roman Vaka natt (engl.: Nightwatch). Seitdem hat sie zahlreiche Theaterstücke sowie Poesiebücher, Kurzgeschichten und einiges mehr geschrieben. Sie arbeitet zudem als Kulturjournalistin.
Malin Lindroth lebt in Mölndal, südlich von Göteborg.
Quellen: Lindroths Website, Piper

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Originaltitel: Nuckan | Übersetzerin: Regine Elsässer
Taschenbuch: ISBN 978-3-492-31701-6 | 12,00€
E-Book: ISBN 978-3-492-99746-1 | 11,99€
erschienen 2020 | 112 Seiten

Verlagswebseite zum Buch

Website von Malin Lindroth


Bildquellen
Cover: Piper
Autorin: Aftonbladet.se

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