Rezension – Die Kleider der Frauen

Paris 1940: Estella und ihre Mutter sind Schneiderinnen. Doch als die Deutschen die Stadt einnehmen, wird Estella durch Zufall in eine Aktion der Résistance verwickelt und trifft dabei den geheimnisvollen Alex. Danach kann sie im letzten Augenblick Paris und Frankreich in Richtung USA verlassen – allerdings ohne ihre geliebte Mutter. In New York angekommen, will sie sich in der hart umkämpften und von Männer dominierten Welt der Mode einen Namen machen. Aber in ihrer Heimat tobt immer noch der Krieg und Alex, den sie in New York wiedersieht, scheint mehr über ihre Mutter zu wissen, als er ihr sagt.

Vielen Dank an den Aufbau Verlag und NetGalley.de für dieses Rezensionsexemplar!

Die meisten Bücher über den Zweiten Weltkrieg, die ich lese, erzählen davon aus deutscher Perspektive. Umso interessanter fand ich es, dass in Die Kleider der Frauen eine andere eingenommen wird: einerseits die Französische, aber auch das Leben in Amerika in den 40ern. Überrascht hat mich dennoch, dass der Krieg in New York, zumindest wenn man dem Buch Glauben schenkt, quasi keine Rolle zu spielen schien. Selbst Pearl Harbour wurde nur nebenbei mal erwähnt.

Dennoch konnte ich den Ausspruch „Wirren des Krieges“ nie so gut nachvollziehen wie in diesem Buch. Die Ungewissheit, was passieren wird, das Durcheinander, das ein Krieg hervorruft und wie Menschen, die sich ins Friedenszeiten nie kennengelernt hätten, zusammenkommen – im Guten wie im Schlechten. Das alles wird hier sehr greif- und nachvollziehbar dargestellt.

Von der Welt der Mode habe ich, ehrlich gesagt, keine Ahnung. Meine Prämisse ist die Gemütlichkeit und dass es dennoch anständig aussieht. Bei Trends bin ich raus und auch Designer sagen mir nur sehr selten etwas. Dennoch konnte ich verstehen, wie wichtig sie für Estella ist, aber auch allgemein für die Menschen. Denn der Krieg, der dafür sorgte, dass die Frauen zunehmend arbeitstätig waren, verlangte nach neuer Mode, die praktiabler war als noch vor dem Krieg. Gleichzeitig gehört zum Feiern, was in Kriegszeiten seltener aber ungleich wichtiger war, auch die möglichkeit, sich herauszuputzen. Diese Dualität wurde aufgegriffen und konnte selbst ich Modebanause nachvollziehen.

Aufgezeigt wurde aber auch, dass Estella, einfach nur, weil sie eine Frau ist, sehr zu kämpfen hat, um als Designerin akzeptiert und erfolgreich zu werden. Trotz des Krieges, vermutlich dank der Tatsache, dass er in Amerika eben nicht so präsent war wie in Europa, spielten Männer noch immer die Hauptrolle und vor allem haben sie viel Einfluss darauf, wer Erfolg hat und wer nicht.

Besonders abstoßendes Beispiel dafür ist Harry Thaw, eine der Personen im Buch, die es wirklich einmal gab. Mit der Modewelt hat er eigentlich nichts zu tun, aber er besitzt Geld in großen Mengen und einen derart schlechten Ruf, dass allein seine Anwesenheit negative Auswirkungen hat. Estella hat sehr mit ihm zu kämpfen und anhand seiner Person wird deutlich, dass Ungeheuer wie er viel zu selten ihre gerechte Strafe erhalten (haben).

Dank des Schreibstils bin ich schnell in die Geschichte hineingekommen und besonders Estella ist mir sehr ans Herz gewachsen. Schade fand ich, dass einige der anderen Figuren nur am Rande auftauchten, selbst wenn sie eigentlich eine große Rolle für die Geschichte und Estellas Leben, sowie das ihrer Enkelin Fabienne (aus deren Sicht ein Teil des Buches erzählt wird), spielen.

Die Kleider der Frauen war ein gut zu lesendes, interessantes Buch über den Zweiten Weltkrieg, vor allem die französische Résistance. Noch viel mehr als das geht es um Mode, Liebe, Glück und Freundschaft. Ich denke, dass ist auch, was dieses Buch so zugänglich macht: die zeitlosen, universell wichtigen Themen.

Verkaufen Sie noch ein bisschen mehr von ihrer Seele, dadurch werden die Teile, die Sie für sich behalten, umso kostbarer.

Elizabeth Arden (E-Book, S. 134)

Bewertung: 4/5 Sterne

CW für das Buch: Vergewaltigung, Folter, Tod, Kindesmissbrauch


Weitere Meinungen zum Buch:
Great Reads and Tea Leaves (5/5 Cups; „This is historical fiction, indeed storytelling, at its finest.“)
Smart Bitches Trashy Books (D+; „Instead of being uplifting or inspiring, the book left me feeling crushed and bleak.“)
The Nerd Daily (10/10; „a well-researched historical fiction that weaved romance, intrigue, and human emotions to create a story that will stay with you long after you’ve finished reading“)

Über Natasha Lester:
Lester machte einen Abschluss in Marketing und PR und arbeitete jahrelang als Marketingleiterin bei L’Oreal. Sie entschloss sich, nochmal zur Universität zu gehen und studierte Creative Writing. Sie schrieb fünf Jahre lang an ihrem ersten Roman, bekam in der Zeit aber auch drei Kinder.
2010 erschien ihr Debütroman. Seit 2016 schreibt sie historische Romane, welche in mehreren Sprachen veröffentlicht wurden.
Natasha Lester lebt mit ihrer Familie in Perth, Australien, wo sie auch kreatives Schreiben unterrichtet.
Quellen: Aufbau Verlag & Lesters Website

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Originaltitel: The Paris Seamstress | Übersetzerin: Christine Strüh
Klappenbroschur: ISBN 978-3-7466-3567-5 | 12,99€
E-Book: ISBN 978-3-8412-1960-2 | 9,99€
512 Seiten | erschienen 2020

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Bildquellen
Autorin: Natasha Lesters Website (zugeschnitten)
Cover: Aufbau Verlag